Als Reisefamilie im Coronajahr 2020 – Meine drei intensivsten Erfahrungen

von | Mrz 17, 2021 | 0 Kommentare

Machmal versuche ich mir all die Erfahrungen vorzustellen, die in diesem Jahr gemacht wurden. Von allen Menschen dieser Erde. Ich stell mir den gesamten Shift vor, unabhängig von der Richtung. Was für ein unglaublich krasser Quantensprung. Ich kann noch nicht mal ansatzweise all meine eigenen Learnings, Veränderungen und Entwicklungen aufzählen, die sich in diesem Jahr ergeben haben. Jetzt habe ich drei ausgewählt. Ich habe den Anspruch auf Vollständigkeit oder Abschluss losgelassen. Empfinde nur wiederkehrende Sprachlosigkeit beim Erinnern. 

Unsere Reisepläne lösten sich vollkommen auf

Am 13.3.2020 vor ziemlich genau einem Jahr haben wir zusammen mit unserem Wohnmobil eine der letzten Fähren bestiegen, um aufs spanische Festland zu kommen. Im Nachhinein betrachtet sind wir auf dieser Schiffsreise in eine neue Welt gereist – von dem abgeschiedenen paradiesischen Kleinod La Palma in eine Welt in globaler Aufruhr. 

Die Vorboten waren schon auf dem Schiff zu spüren – Familien durften nicht mehr zusammenstehen, die großen Flatscreens beschallten die Menschen ununterbrochen mit den neuesten Nachrichten. Und das in einem Saal, in dem sich Schlafsessel, Cafètische, die Spielecke und die Restauranttische befanden. Alle Leichtigkeit war verflogen

Wir kamen am ersten Tag des spanischen Lockdowns an. Bis auf die Supermärkte waren alle Läden geschlossen, Kinder durften (für insgesamt 6 Wochen) nicht die Wohnung verlassen, die Ver- und Entsorgungsstationen für Wohnmobile waren dicht. Wir fanden Geisterstädte vor. 

Wir durften reisen. Das fanden wir erstmal toll. Aber die Freude hielt nicht lange an. Wir wurden täglich von der spanischen Polizei angehalten. Und auch wenn die Polizisten unglaublich hilfsbereit und freundlich waren, machte mich das mit der Zeit fertig. Denn wir wurden immer wieder aufgefordert, im Wohnmobil zu bleiben. Ich wollte mir das auf gar keinen Fall gefallen lassen. Nicht nur, weil es fast unmöglich ist, einen Fünfjährigen dauerhaft drinnen zu halten.

Ich fühlte mich aufs tiefste in meinem Freiheitsanspruch verletzt.

Anja Futter

Unsere Strategie war deshalb, dass wir weit in die Berge oder den Wald fuhren, um uns dort die Beine vertreten zu können.

Aber ich hatte meine Gefühl unterschätzt – ich hatte einfach Angst und fühlte mich verfolgt. In Spanien durfte wirklich niemand raus, außer eine Person am Vormittag zum nächsten Supermarkt und man durfte seinen Hund 500 Meter ums Haus führen. Überall vermutete ich Patrouillen. Das ging schließlich soweit, dass ich unseren Sohn zwar hinter einem Sandhaufen spielen ließ und ihn aber bei jedem Autogeräusch panisch nach unten drückte.

Mir wurde klar, dass das so nicht weitergeht. Wir mussten irgendwo anders hin. Bloß wohin. Es war überall bescheiden und Deutschland keine Option. “Zuhause” hocken ist auch nicht besser.

Ich wurde so krass verzweifelt, wütend und ohnmächtig, dass ich bei der nächsten Polizeikontrolle in Tränen ausbrach und nicht mehr aufhören konnte. Ich hätte filmen sollen, wie mitfühlend die Polizisten waren; sie rissen sich darum, wer mir als Erster helfen darf. Es war so absurd. Ich hatte Panik vor der Polizei als Staatsgewalt und gleichzeitig erfuhren wir immer wieder so viel Anteilnahme. 

Mitten in dieser wütigsten Verzweiflung, passierte etwas Seltsames. Ich wurde ruhig, weil mir schlagartig eines klar wurde:

“Nirgendwo auf der Welt ist es besser als hier, wo ich jetzt gerade bin. Nirgendwo bin ich freier. Es ist völlig irrelevant, wo ich im Außen bin. Ich kann nichts kontrollieren außer das Gefühl in mir.” 

Anja Futter

Und dann ließ etwas in mir los. Das war kein aktiver Akt. Es brachen Dämme, ohne dass ich darauf Einfluss hatte. Das Leben begann wieder zu fließen. Keine drei Tage später richteten wir uns auf einem wunderschönen und riesengroßen Grundstück in der Nähe der Sierra Nevada ein, das uns ein alter Freund überlassen hatte. Wir erholten uns, stritten uns, langweilten uns, spielten, pflegten den Garten und erkannten, wie wunderbar das Universum funktioniert. 

Wir haben inzwischen das Wohnmobil untergestellt und reisen nun noch langsamer als bisher. Aktuell sind wir seit fast 7 Monaten auf La Palma zu Hause.

Ich fand Liebe zum Leben

Ich kann nicht in Worte fassen, wie tief ich in diesen Momenten in das Jetzt eingetaucht bin. Wo wochenlang jeder Tag gleich war, gab es nur eine Möglichkeit zu wachsen und zu leben: indem  ich die Richtung wechselte. Weg von “Vor und Zurück” hin zu “Tief in den Moment”. 

In dieser Zeit wurde ich jemand, der das Leben liebt. Unfassbar und sehr liebt. Ich liebe es jetzt hier zu sein. Ich glaube, es ging mein ganzes Leben nur darum, genau jetzt genau hier zu sein. Eigentlich ging es immer und zu jeder Zeit nur darum. In dieser Zeit konnte ich das mit aller Unmissverständlichkeit begreifen und liebe es, immer mehr und länger darin zu sein. Die Umstände vereinfachen und vertiefen den Prozess.

In dieser Zeit habe ich gelernt, das Leben noch mehr anzunehmen wie es ist, roh und ungeschminkt. Es hat mich gelehrt, ins Vertrauen zu gehen, so tief, dass es all die Umstände, Geschehnisse und Emotionen auf der Welt umfasst. Und dass wir uns alle diese – zugegeben schmerzhaften – Umstände geschaffen haben, weil ein Teil in uns sich danach sehnt, dass sich die Welt ändert. Weil ein Teil weiß, dass sie sich ändern MUSS.

In dieser Zeit habe ich gelernt, genauer hinzuschauen, wen oder was ich wirklich brauche . Womit mich mein Ego nur ablenken will, weil es Angst hat vor dem Fühlen und Erkennen. Ich habe gelernt, dass es in mir so unendlich spannend ist. Weil alles da ist. Alles. 

In dieser Zeit habe ich gelernt, dass ich meine eigene Verbundenheit finden darf. Mit mir und mit Dir. Und mit meinem eigenen Weg.  

Ich begegnete der kollektiven Angst in mir

Und dennoch. Auch ich spürte die kollektive Angst. In mir. Auch ich hatte immer wieder Tränen auf meiner Wange. Ich schaute sie an. Die Angst. Ließ sie da sein als Teil von mir. Groß war sie, kalt und scharfkantig. Sie setzte sich immer wieder in meinem Körper fest. Ich löste sie sanft heraus und lege sie sachte ab. Puh – auf beiden Seiten.

Was ich fühlte, als ich meine kollektive Angst so liegen sah:

Alle Menschen tun aus ihrer Warte das Beste.

Die Menschen, die überzeugt alle Regeln einhalten, tun das, weil sie wollen, dass Es aufhört. Weil sie glauben, dass ihr Verhalten dazu beiträgt, dass Es aufhört. Sie werden wütend, weil die anderen es nicht tun und damit verhindern, dass Es ein Ende hat.

Die Menschen, die nicht alle Vorschriften einhalten, tun das, weil sie glauben, dass Es so aufhört. Sie glauben, dass ihr Verhalten dazu führt, dass Es aufhört. Sie werden wütend, weil die anderen es nicht tun und damit verhindern, dass Es aufhört.

Was alle eint: Sie wollen, dass Es aufhört. Weil Es so sehr schmerzt. Vielleicht zeigt die Maske den Schmerz und die Nicht-Akzeptanz dessen was ist. Vielleicht zeigt der Widerstand gegen die Maske den Schmerz und die Nicht-Akzeptanz dessen was ist.

Vielleicht wird es so lange nicht anders, bis wir Es einfach nur wahrnehmen. Es da sein lassen. Und ohne zu kämpfen Es umarmen und den gemeinsamen Wachstumsschmerz und unser Versteckspiel vor uns selbst und den anderen sehen. Es ermöglicht uns die Umwälzung, die sich viele sehnsüchtig wünschen. “Es kann so nicht weitergehen mit der Welt.” Wie oft wurde dieser Satz in der Vergangenheit gesagt? Stichwort Ko-Kreation.

Auch mich schmerzt es, weil ich wachse und weil ich mich nicht mehr verstecken kann. Weil das Versteckspiel unglaublich anstrengend geworden ist und uns nicht weiterbringt. Ich will das nicht mehr und wähle Wahrhaftigkeit.

“Du zwingst mich dazu aufzustehen, immer mehr Gesicht zu zeigen und in meine Tiefe zu gehen.“

Anja Futter

Während ich diese Zeilen schreibe, geht etwas unwiederbringlich auf in mir … ich spüre all die anderen, die mit mir aufstehen

Ich schreibe diese Zeilen auf der abgeschiedenen paradiesischen Insel La Palma, inmitten einer starken, transformierenden Gemeinschaft, mit einer klaren Vision im Herzen und einer schwankenden Zuversicht im Kopf. I really love this life.

Autorin Anja Futter

Businessmentorin

Kommentare

0 Comments

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Verwandte Beiträge

Meine 12von12 im Mai 2021

Meine 12von12 im Mai 2021

Gibt es etwas langweiligeres, als einen schnöden Mittwoch zu dokumentieren? Aber sowas von ja. 12von12 - eine alte Blogger-Tradition, bei der an jedem 12. des...